Fossile Energien abschalten

Die 73 Regeln der Spionage von Allen Dulles

Allen Dulles, der zwischen 1952 und 1961 gefeierter CIA-Direktor war, fasst die Erkenntnisse, die er in Jahrzehnten der Unterwanderung & asymmetrischen Kriegsführung gesammelt hat, in 73 Regeln der Spionage zusammen. Die meisten dieser Regeln sind für heutige Untergrundaktivist*innen so relevant wie für Spion*innen vor 60 Jahren. Wenn du Arbeit im Untergrund in Erwägung ziehst, lies sie dir genau durch und denk darüber nach, wie du dein Risiko minimieren kannst.

Dulles’ Regeln wurden zunächst in der Ausgabe von Herbst 2009 in Intelligence: Journal of U.S. Intelligence Studies unter dem Namen “Insights On the Profession” mit einer Einleitung von James Srodes veröffentlicht (PDF-Scan). Die englische Textversion von Dulles’ Erkenntnissen ist The Grugq zu verdanken.


Mysteriöse*r Spion*in

Einige Elemente der Geheimdienstarbeit

Die stärkste Waffe, die ein Mann oder eine Frau in die Art Arbeit einbringen kann, die wir tun, ist sein oder ihr gesunder Menschenverstand. Die folgenden Notizen sollen ein bisschen davon und einige Anwendungsbeispiele dafür bieten. Einfacher Alltagsverstand, der durch eine gewisse Menge an Erfahrung zu einer Reihe an Regeln und Vorschlägen verdichtet wurde.

Mysteriöse*r Spion*in
  1. In unserem Beruf gibt es viele Tugenden, nach denen wir streben müssen. Die größte davon ist Sicherheitsdenken. Alles sonst muss ihm untergeordnet werden.

  2. Sicherheitsdenken bedeutet nicht nur, großen Risiken aus dem Weg zu gehen. Es bedeutet auch, die Aufgaben des Alltags im Bewusstsein dessen durchzuführen, von welchen winzigen Details diese Sicherheit abhängt. Die kleinen Dinge sind in vielerlei Hinsicht wichtiger als die großen. Sie sind es, die einen am häufigsten verraten. Es ist konstante Achtsamkeit im Hinblick auf die kleinen Dinge, die Sicherheitsdenken als Gewohnheit und die Charaktereigenschaft etabliert.

  3. Außerdem wird dem Mann oder der Frau, der oder die die tägliche Sicherheitsroutine außer Acht lässt, egal wie langweilig oder sinnlos sie manchmal erscheinen mag, die angemessene instinktive Reaktion fehlen, die bei größeren Angelegenheiten notwendig ist.8

  4. Egal wie brillant ein Individuum sein mag, egal wie stark sein guter Wille, wenn es ihm an Sicherheitsdenken mangelt, wird es sich irgendwann als Risikofaktor erweisen, nicht als Vorteil.

  5. Auch wenn du den Eindruck hast, dass ein*e neugierige*r Außenstehende*r vermutet, dass du nicht bist, wer du vorgibst zu sein, gesteh es niemals ein. Spiel weiterhin deine Rolle. Erstaunlich oft lassen sich Leute überzeugen, dass sie falsch lagen. Oder zumindest, dass du nur ein bisschen ‚das andere’ bist. Wie auch immer, die Leute können denken, was sie wollen. Das Wichtigste ist, dass du ihre Vermutungen weder explizit noch implizit bestätigst.

  6. Sicherheit bedeutet natürlich nicht Stagnation oder Angst zu haben, zu handeln. Sicherheit bedeutet, dass man handelt, aber alle Risiken durch harte Arbeit auf ein Minimum reduziert.

  7. Strapazier deine Tarnung nicht so sehr, dass die Durchführung deiner Aufgaben gefährdet wird; wir dürfen uns nie so sehr auf letzteres konzentrieren, dass wir ersteres vergessen.

  8. Du darfst niemals Dinge unbeaufsichtigt herumliegen lassen oder sie wo hinlegen, wo du sie vielleicht vergisst. Lerne, ohne großen Druck zu schreiben; die leere Seite unter der, auf der du schreibst, kann sonst gelesen werden. Achte auf dein Löschpapier. Wenn du ein Dokument zerstören musst, tu es gründlich. Trage so wenige Schriftstücke wie möglich mit dir herum und jedes so kurz wie möglich. Trage niemals ausgeschriebene Namen oder Adressen mit dir herum. Wenn du sie nicht auswendig lernen kannst, schreib sie in einem Code auf, den nur du verstehst. Kleine Zettel und Briefumschläge oder Karten und Fotos sollten zusammengeheftet werden, sonst kannst du sie verlieren. Aber wenn du ein Interview durchgeführt hast oder ein Treffen arrangiert, schreib alles nieder und bewahre die Informationen an einem sicheren Ort auf. Dein Gedächtnis kann sich irren.

  9. Das größte Laster im Spiel ist Unachtsamkeit. Begangene Fehler können meist nicht korrigiert werden.

  10. Das zweitgrößte Laster ist Eitelkeit. Sie hat viele schädliche Effekte.

  11. Außerdem lernt jemand Aufgeblasenes nicht dazu. Und es gibt immer eine Menge zu lernen.

  12. Alkohol ist natürlich gefährlich. Ungezügeltes Interesse am anderen Geschlecht ebenso. Ersteres lockert die Zunge, letzteres ebenso. Außerdem verfälscht beides den Blick und führt zu Müßiggang. Beide helfen nur dem Feind.

  13. Es hat sich wieder und wieder erwiesen, dass besonders Sex und Business getrennt gehalten werden müssen.

  14. In diesem Beruf gibt es keine Arbeitszeiten. Das bedeutet, man ist niemals nicht bei der Arbeit. Man lebt sie. Man ist niemals unachtsam. Jeder Ort ist geeignet, um eine falsche Fährte zu legen (bei sozialen Zusammenkünften zum Beispiel, eine lockere Bemerkung hier, eine Phrase dort). Jeder Ort ist geeignet, um etwas zu lernen oder zu sammeln… um nützliche Bekanntschaften zu machen.

  15. Um den Begriff „keine Arbeitszeiten” noch gewöhnlicher auszulegen: es handelt sich hier ganz sicher nicht um einen Beruf, bei dem man seinen privaten Plänen Vorrang geben kann.

  16. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht entspannt oder Urlaub macht. Tut man das nicht, kann man keine gute Arbeit machen. Wenn es echten guten Willen und Enthusiasmus für die Arbeit gibt, wird man (außer in Ausnahmefällen) die zwei Lebensbereiche immer kombinieren, ohne dass die Arbeit darunter leiden muss.

  17. Der größte materielle Fluch des Berufs ist zweifellos, all seinen Vorteilen zum Trotz, das Telefon. Es ist eine ständige Versuchung, sich der Nachlässigkeit hinzugeben. Und sogar wenn man es nicht auf unvorsichtige Weise benutzt, wird der Gesprächspartner es sehr oft tun, als warn’ ihn. Geh immer davon aus, dass der Feind mithört, dass ein Anruf ihm immer einen Ansatzpunkt bieten kann. Zieh den Stecker vor jeder vertraulichen Unterhaltung. Noch besser ist es, kein Telefon im Zimmer zu haben oder es in einer Box oder einem Schrank aufzubewahren.

  18. Manchmal, unter besonderen Umständen, kann es erlaubt sein, unverschlüsselte Post als Kommunikationskanal zu nutzen. Wenn keine besonderen Umstände vorliegen, die keine Alternative erlauben, sollte dies völlig vermieden werden.

  19. Wenn die Post genutzt wird, ist es ratsam, Postfächer zu nutzen; das bedeutet, dass jemand deine Post empfängt und weiterleitet. Das sollte die einzige Funktion dieser Person sein. Sie sollte nicht Teil der Show sein. Sie sollte aufgrund einer persönlichen Freundschaft mit dir oder einem deiner Agent*innen gewählt werden. Die Erklärung, die du ihm oder ihr gibst, wird von den Umständen umhängen; die Briefe müssen natürlich unschuldig wirken. Ein Ausdruck, eine Unterschrift oder ein in die Nachricht eingebetteter Code wird die wahre Botschaft mitteilen. Der Brief muss so geschrieben sein, dass er zum sozialen Hintergrund des oder der Empfänger*in passt. Daher muss jede*r Autor*in Details über das Postfach besitzen, das ihm oder ihr zugewiesen ist. Ein bedeutungsloser Brief ist an sich verdächtig. Wenn allerdings eine Unterschrift oder ein bestimmter Ausdruck genug ist, um die Botschaft zu vermitteln, reicht schon eine Grußkarte.

  20. Investiere lieber einen ganzen Tag in eine Reise, als ein Risiko einzugehen, indem du Telefon oder Post benutzt. Wenn du keine im Voraus verfasste Botschaft hast, die du übers Telefon mitteilen willst, wähle niemals die Nummer, bevor du über die Unterhaltung nachgedacht hast. Nicht einmal der Teil der Unterhaltung, der nur der Tarnung dient, sollte improvisiert sein. Aber übertreib es nicht. Die erste Regel ist auch hier, wie bei allen anderen Teilen des Berufs, natürlich zu wirken.

  21. Wenn du einen Kontakt oder potentiellen Kontakt von einem öffentlichen Telefon aus angerufen hast und die Nummer nachgucken musstest, lass das Telefonbuch nicht offen auf der Seite liegen.

  22. Wenn du einen sicheren Unterschlupf für Treffen oder als Lager wählst, such einen Ort aus, der auch wirklich sicher ist. Wenn möglich, vermeide Häuser, die von anderen Häusern aus beobachtet werden können. Wenn das nicht geht, stelle sicher, dass die anderen Häusern denselben Eingang nutzen. Stelle auch sicher, dass keine der Diener*innen verdächtig sind. Besonders musst du natürlich auf die Bewohner*innen achten. Diese sollten, genau wie die Postfächer, diskret und aufgrund ihrer persönlichen Freundschaft mit einem Mitglied der Organisation ausgewählt sein. Auch hier gilt, dass die Geschichte, die ihnen erzählt wird, von den Umständen abhängen wird. Sie sollten in der Show keine andere Rolle spielen. Wenn es notwendig ist, dass sie es doch tun, sollten Hausbesuche so spät nachts wie möglich stattfinden.

  23. Sei immer du selbst. Verhalte dich immer so, dass es unter den Umständen, die du für dich ausgewählt hast, natürlich wirkt. Das ist besonders wichtig, wenn du jemanden zum ersten Mal trifft, wenn du auf Berufsreise bist oder wenn du beruflich in einem Restaurant oder an einem öffentlichem Ort bist. In Zügen oder Restaurants haben Leute viel Zeit, um die, die in der Nähe sitzen, genau zu betrachten. Eine ruhige Person zieht wenig Aufmerksamkeit auf sich. Bemühe dich nicht zu sehr darum, einen Effekt zu erzielen. Das würdest du im normalen Leben auch nicht tun. Sieh deinen Job als etwas völlig Normales und Natürliches.

  24. Wenn du beruflich unterwegs bist, sieh andere Leute so wenig wie möglich an und trödle nicht herum. Dann hast du eine gute Chance, nicht beachtet zu werden. Wer guckt, wird auch angeguckt.

  25. Kleide dich auf eine Weise, die nicht auffällig ist oder ins Auge springt.

  26. Steh nicht rum. Sei pünktlich und bestehe darauf, dass die, mit denen zu tun zu hast, auch pünktlich sind. Besonders wenn ihr euch in der Öffentlichkeit trefft; ein Mann, der herumsteht und wartet, zieht Aufmerksamkeit auf sich. Aber sogar wenn es nicht in der Öffentlichkeit ist, sieh zu, dass alle zur vereinbarten Zeit eintreffen. Zu früh anzukommen ist so unpraktisch wie zu spät.

  27. Wenn du dich mit jemandem triffst, pass auf, dass dir niemand folgt. Sag der anderen Person, dass sie ebenfalls darauf achten soll. Aber übertreib nicht. Fahr nicht mit einem Taxi zu einer Adresse, die mit deiner Arbeit zusammenhängt. Wenn es nicht anders geht, stell sicher, dass du beim Einsteigen nicht beobachtet wirst. Oder gib eine andere Adresse an, zum Beispiel ein Café oder Restaurant in der Nähe.

  28. Versuche Reisen zu Orten zu vermeiden, an denen du leicht zu bemerken bist. Wenn du solche Reisen unternehmen musst, wiederhole sie so selten wie möglich und tu alles, was möglich ist, um dort nicht aufzufallen.

  29. Deine wichtigen Termine sollten nachts stattfinden. Nutze die Dunkelheit. Wenn nachts nicht möglich ist, leg die Termine auf den frühen Morgen, wenn die Leute nur halb wach sind und nicht so sehr auf seltsame Geschehnisse achten.

  30. Vermeide es, Treffen und Unterhaltungen in Cafés und Bars stattfinden zu lassen. Vor allem sollte der erste Kontakt nie dort gemacht werden. Es sollte draußen sein. Beschreibe zu treffende Personen genau, mit vielen Details, und beschreibe ein oder zwei besondere Merkmale, die die Person auszeichnen. Nutz ein Passwort, das ohne schwerwiegende Konsequenzen der falschen Person gegeben werden kann.

  31. Wenn Gespräche nicht in einem sicheren Unterschlupf stattfinden können, geh mit der anderen Person auf dem Land spazieren. Friedhöfe, Museen und Kirchen sind nützliche Orte, die du im Hinterkopf behalten solltest.

  32. Nutz dein eigenes Urteilsvermögen, um zu entscheiden, ob du mit zufällig Mitreisenden oder Tischgenoss*innen reden solltest. Es kann nützlich sein. Es kann auch schädlich sein. Oder es kann gar keine Auswirkungen haben. Aber bevor du dich in eine echte Unterhaltung begibst, überleg, ob es dir zum Nachteil werden kann, wenn dich diese bestimmte Person in Zukunft entdecken und erkennen kann. Habe immer etwas zum Lesen dabei. Das wird dir nicht nur viel Langeweile ersparen, es ist auch ein Schutzschild, wenn du eine Unterhaltung beenden oder einer aus dem Weg gehen willst.

  33. Sei immer höflich, aber übertreib es nicht. Sei angenehm zu Leuten, die dich öfters sehen werden, wie Angestellten in Hotels und Restaurants, Taxifahrer*innen und Zugpersonal. Sie könnten sich eines Tages als nützlich erweisen. Gib ihnen großzügiges Trinkgeld, aber übertreib es auch hier nicht. Gib ihnen ein bisschen mehr als andere – außer wenn deine Tarnidentität das nicht zulässt. Aber gib Kellner*innen, Taxifahrer*innen usw. nur normales Trinkgeld, wenn du beruflich unterwegs bist. Gib ihnen keinen Anlass, nicht einmal einen angenehmen, sich an dich zu erinnern. Sei so kurz angebunden und lässig wie möglich.

  34. Unbeschwertheit und Selbstbewusstsein sind nicht für alle selbstverständlich. Diese Eigenschaften müssen gewissenhaft kultiviert werden. Nicht nur, weil sie uns persönlich helfen, sondern auch, weil sie bei unseren Kontaktpersonen zu einer ähnlichen Einstellung führt.

  35. Sei niemals emotional intensiv und dramatisch vor jemandem, bevor du ihn davon überzeugt hast, dass du ein vernünftiger Mensch bist.

  36. Wenn du nach jemandem angelst, führ ihn dahin, wo du ihn haben willst; setz ihm die offensichtliche Idee in den Kopf und bring ihn dazu, sie vorzuschlagen. Wenn es notwendig ist, drück – auf taktvolle Weise – einen wehmütigen Unglauben an die Möglichkeiten, die er vorschlagen soll, aus. „Wie schön es doch wäre, wenn jemand… aber natürlich usw. usf.“ Und halte dir immer die Möglichkeit einer Ausflucht offen.

  37. Sieh niemals die Loyalität anderer als selbstverständlich. Sieh sehr selten jemanden als über allen Zweifel erhaben. Denk daran, dass wir davon leben, andere in die Irre zu führen. Andere leben davon, uns in die Irre zu führen. Wenn andere nicht die Fassade von anderen Leuten für die selbstverständliche Wahrheit halten würden, würden wir niemals unsere Ziele erreichen. Der Feind hat Leute, die so schlau sind wie wir; wenn sie hereingelegt werden können, kann es uns auch passieren. Also sei wachsam.

  38. Betrüg dich vor allem nicht selbst. Entscheide nicht, dass jemand anders vertrauenswürdig oder in guter Verfassung ist, weil du dir wünscht, dass es so ist. Es stehen Leben auf dem Spiel.

  39. Wenn du einen neuen Kontakt hast, sieh dich als kleine*n aber eifrige*n Botschafter*in, bis du dir deiner Kontaktperson sicher bist. Hab eine „Drittperson“ im Hintergrund, für die du handelst und gegenüber der du verantwortlich bist. Wenn deine „Übergeordneten“ streng sind, wenn „sie“ sich entscheiden, den Kontakt abzubrechen, ist es nicht deine Schuld und du kannst sogar so tun, als täte es dir persönlich leid. „Sie“ sind immer sehr auf Resultate bedacht und sehr geizig mit Geld, bis „sie“ diese Resultate haben. Wenn diese Resultate vorliegen, senden „sie“ immer Glückwünsche und Bestärkungen.

  40. Versuch Agent*innen zu finden, die nicht nur für das Geld arbeiten, sondern auch aus Überzeugung. Aber denk daran, dass man nicht nur von Überzeugung leben kann. Wenn sie finanzielle Hilfe brauchen, gib sie ihnen. Und vermeide „benebelte“ Idealist*innen, die den Kopf in den Wolken haben.

  41. Sei deinen Agent*innen ein*e wahr*e Freund*in. Denk daran, dass sie eine menschliche Seite haben und binde sie an dich, indem du Interesse an ihren persönlichen Angelegenheiten und ihrer Familie zeigst. Aber lass die Freundschaft niemals stärker als dein berufliches Pflichtgefühl werden. Dieses muss immer über allen gefühlsmäßigen Überlegungen stehen. Sonst könnte deine Sicht getrübt werden, dein Urteilsvermögen geschwächt, und du könntest sogar zögern, deine Leute in Gefahr zu bringen. Deine Nachsicht ihnen gegenüber kann auch dazu führen, dass sie andere in Gefahr bringen.

  42. Verdien dir das Vertrauen deiner Agent*innen, aber vertrau ihnen selber nicht mehr als notwendig. Dein*e Agent*in kann wegfallen oder mit dir streiten; es kann aus einer ganzen Reihe an Gründen besser sein, sich von ihm oder ihr zu trennen. In dem Fall ist es natürlich besser, wenn die fragliche Person nicht zu viele Informationen besitzt. Ebenso offensichtlich ist es, dass ein*e Agent*in in die Hände des Feindes fallen kann. Daher ist es sowohl ihm oder ihr als auch der Show gegenüber unfair, wenn die Person mehr weiß als notwendig.

  43. Wenn dein*e Agent*in von Zeit zu Zeit eine Weile frei hat, ist das sehr gut. Während dieser Ferien sollte er oder sie sich in anderen Feldern und anderen Kapazitäten zeigen.

  44. Bring dem Agenten oder der Agentin zumindest grundlegende Techniken bei. Überlass es nicht der Person selbst und ihrem Urteilsvermögen, während du auf das Beste hoffst. Bestehe eine lange Zeit darauf, dass sie nicht zu viel Initiative zeigt, sondern die Anweisungen, die du ihr gibst, strikt ausführt. Ihre Initiative wird noch getestet werden, wenn sich unerwartete Umstände ergeben. Schimpf, wenn die Person einen Fehler macht, lob sie, wenn sie gute Arbeit verrichtet.

  45. Hab keine Angst, streng oder sogar barsch zu anderen zu sein, es ist deine Pflicht. Es wird ebenso erwartet, dass du zu dir selbst streng bist. Im Ernstfall kommt es weder auf deine Gefühle noch auf die von anderen an. Nur die Arbeit – die Leben und die Sicherheit von jenen, die dir anvertraut sind – zählt.

  46. Denk daran, dass du kein Recht hast, etwas von anderen zu fordern, was du selbst nicht bereit bist zu tun. Lass dich andererseits nicht zu einem spontanen und unnötigen Zurschaustellen persönlichen Muts hinreißen, das das ganze Schussgefecht gefährdet. Oft braucht es mehr Mut, jemand anders zu bitten, etwas zu tun, als es selbst zu tun. Aber wenn es die richtige Herangehensweise ist, musst du es so machen.

  47. Wenn du einen Agenten hast, der dir wirklich sehr wichtig ist, der für die Organisation fast schon essentiell ist, versuch ihn das nicht wissen zu lassen. Impliziere, ohne ihn zu demütigen, dass es andere Optionen und andere Gruppen gibt, von denen er nichts weiß, und dass es – obwohl er und seine Gruppe gute Arbeit verrichten – ein Mosaik gibt, von dem sie nur ein Teil sind.

  48. Lass niemals zu, dass dein Agent die Zügel übernimmt. Wenn du das nicht alleine sicherstellen kannst, gibt es immer noch die furchteinflößenden „Vorgesetzten“.

  49. Aber wenn dein Agent das Gebiet, in dem er arbeitet, besser kennt als du, sei immer bereit, auf seinen Rat zu hören und ihn um Hilfe zu bitten. Wer vor Ort ist, kann die Lage besser einschätzen.

  50. Ebenso: wenn du Anweisungen von deinen Vorgesetzten bekommst, die dir kontraproduktiv erscheinen, zögere nicht, dich diesen Anweisungen zu widersetzen. Du bist da, damit du auf Fakten hinweisen kannst. Das ist besonders dann der Fall, wenn ein schweres Sicherheitsrisiko vorliegt und es keinen entsprechenden Vorteil gibt, für den dieses Risiko in Kauf genommen werden kann. Also steh in dem Fall mit aller Kraft für deine Ansichten ein.

  51. Wenn du mehrere Gruppen hast, halte sie getrennt, bis der Moment für gemeinsames Handeln gekommen ist. Halte deine Kanäle getrennt; und versuch wenn möglich neue zu öffnen. Jede Trennung und jeder neuer Kanal minimiert das Risiko eines Totalverlusts. Das Öffnen neuer Kanäle gibt dir außerdem die Möglichkeit, einen einzelnen Kanal stillzulegen, was oft sehr vorteilhaft ist.

  52. Setz die Dinge niemals in Bewegung, bevor du alle Details verstanden hast, egal ob es sich um große oder kleine Angelegenheiten handelt. Verlass dich nicht auf dein Glück. Auf Pech kannst du dich schon eher verlassen.

  53. Wenn du Bot*innen nutzt, die an sich vertrauenswürdig sind (hier sollte wiederum das wichtige Element der persönlichen Freundschaft eine Rolle spielen) aber die besser im Dunkeln darüber bleiben sollten, was genau sie transportieren, ist kommerzielles Schmuggeln oft ein guter Vorwand. Abgesehen davon, dass es ein guter Grund für Geheimhaltung ist, ist es spannend für die Person und bietet eine Rechtfertigung dafür, Bezahlung anzubieten. Außerdem wird der oder die Bot*in so in etwas verwickelt, bei dem es in seinem oder ihrem Eigeninteresse ist, es geheimzuhalten.

  54. Um diesen Vorwand glaubhafter zu machen, sollte, wenn nur ein Brief oder Dokument zu transportieren ist, dieses immer versiegelt in ein Paket gelegt werden, das als Attrappe dient und das unversiegelt ist.

  55. Die Zutaten für jedes neue Projekt sind: ernsthafte Erkundung des Felds und der verfügbaren Elemente; das Auffinden einer oder mehrerer Schlüsselpersonen; sichere Umgebungen, in denen diese getroffen werden können; Unterschlüpfe für Treffen; Postfächer; Bot*innen; das Bestimmen von natürlichen Tarnidentitäten und Vorwänden für Reisen, etc.; Arbeitsteilung; Aufteilung in Zellen; die Gefahr darin, dass sich persönliche Freundschaften zwischen den Elementen herausbilden (das ist sehr wichtig); Vermeiden von Wiederholungen.

  56. Es sollte, außer in Sondermissionen, nicht auf schnelle Resultate abgezielt werden, was die ganze Show abschießen kann, sondern auf den Beginn einer Serie an Resultaten, die aufeinander aufbauen und die, weil die Show die richtigen Schutzmechanismen hat, um die Tarnung aufrecht zu erhalten, zu Erkenntnissen führen wird.

  57. Ein ernsthaftes Aufbauen von Grundlagen ist wichtiger als überhastete Aktion. Die Organisation besteht nicht nur aus den Leuten, die aktiv arbeiten, sondern auch aus den potentiellen Agent*innen, die du dort hast, wo sie gebraucht werden könnten, und die du aktivieren kannst, wenn es notwendig ist.

  58. Genau wie bei einer Organisation ist es auch bei einem Individuum. Seine erste Aufgabe in einem neuen Feld ist es, alles außer seiner Grundlagenarbeit – dem Aufbau seiner Tarnidentität – zu vergessen. Sobald die Leute ihn in dieser Identität erkennen, ist seine Arbeit halb getan. Die Leute sehen so viel als selbstverständlich an und finden es schwer, ihre einmal gebildete Meinung über jemanden zu ändern. Nur eine schockierende Erkenntnis kann ihre Sicht auf jemanden ändern. Es liegt an dir, sicherzustellen, dass dies nicht geschieht. Wenn sie misstrauisch werden, denk nicht, dass alles verloren wäre und du die Niederlage akzeptiere müsstest. Konzentrier dich auf deine Tarnung und bau sie neu auf. Die Leute werden zunächst verwirrt und dann überzeugt sein.

  59. Die Tarnung, die du wählst, wird davon abhängen, was du erreichen willst. Ebenso das Sozialleben, das du aufbaust. Es kann notwendig sein, ein aktives Sozialleben zu haben; es kann besser sein, sich im Hintergrund zu halten. Du musst dich darauf trainieren, nicht von Wunschdenken geleitet zu werden und nicht zu denken, dass das, was du möchtest, auch die beste Option wäre.

  60. Deine Tarnung und dein Sozialverhalten sollten natürlich so gewählt werden, dass sie zu deinem Hintergrund und Charakter passen. Sie sollten nicht zu sehr zur Bürde werden. Nutze sie gut. Sie sollten sich bei deinen Mitmenschen mit der Zeit fest einprägen. Wenn dein Name in Unterhaltungen aufkommt, müssen sie etwas über dich zu sagen haben, etwas Konkretes, was nichts mit deiner wirklichen Arbeit zu tun hat.

  61. Der Ort, an dem du lebst, ist oft ein schwieriges Problem. Hotels sind selten zufriedenstellend. Eine eigene Wohnung, in der du alles unter Kontrolle hast, ist zu bevorzugen; wenn du sie mit einem*r diskreten Freund*in teilen kannst, der oder die nicht in diesem Beruf arbeitet, umso besser. Dann kannst du dich zuhause entspannen und ein normales Leben führen und er oder sie trägt auch zu deiner Tarnung bei. Du musst natürlich sehr vorsichtig sein, wenn du deine Diener*innen auswählst. Aber es ist besser, eine*n verlässliche*n Diener*in zu haben als gar keine*n. Sonst kann z.B. nicht dein Telefon repariert werden, wenn du weg bist. Und wenn du ungeliebtem Besuch aus dem Weg gehen willst (oder einem unwillkommenen Anruf), kann ein*e Diener*in diesen abwimmeln.

  62. Wenn ein Mann verheiratet ist, kann die Anwesenheit einer Ehefrau ein Vor- oder Nachteil sein. Es kommt auf die Beschaffenheit des Jobs an – und auf die Persönlichkeit der Ehepartner.

  63. Sollte ein Ehemann seiner Frau sagen, was er beruflich tut? Es ist selbstverständlich, dass Leute, die diese Art Arbeit verrichten, Umsicht und Urteilsvermögen besitzen. Wenn ein Mann seine Frau für vertrauenswürdig hält, kann er ihr natürlich sagen, was er tut, ohne ihr gleich die vertraulichen Details von konkreten Missionen mitzuteilen. Es wäre weder ihm noch ihr gegenüber fair, wenn er sie im Dunkeln lassen würde, es sei denn, es gäbe schwerwiegende Gründe dafür. Eine Ehefrau müsste dann natürlich in den gleichen Verhaltensweisen unterwiesen werden wie eine Agentin.

  64. Wenn du von deiner Arbeit weg bist und von deinen anderen Kontakten umgeben, darfst du nicht zu viel wissen. Oft wirst du deine Eitelkeit unterdrücken müssen, die dich dazu bringen will, zu zeigen, was du weißt. Das ist besonders schwer, wenn du eine falsche Behauptung hörst oder Ereignisse falsch wiedergegeben werden.

  65. Nicht zu viel zu wissen bedeutet nicht, nichts zu wissen. Wenn es keinen besonderen Grund dafür gibt, ist es nicht gut, wie ein Trottel zu wirken oder wie jemand, dem es an Umsicht fehlt. Das verleitet andere nicht dazu, dir zu vertrauen.

  66. Zeig deine Intelligenz, aber schweig über alles, was mit deinem Auftrag zu tun hat. Überlass das Reden anderen. Manchmal ist es gut, persönlich interessiert zu wirken, als „gute*r Patriot*in, der oder die alles, was vielleicht nützlich sein könnte, durch die offiziellen Kanäle weiterleiten will.“

  67. Wenn du denkst, dass jemand etwas Nützliches weiß oder auf andere Weise nützlich sein kann, denk daran, dass Komplimente den meisten Leuten gefallen. Wenn ehrliches Lob schwierig ist, funktioniert Schmeichelei auch.

  68. Soweit es mit deinen Prinzipien vereinbar ist, mach es allen recht. Aber verrat deine Prinzipien nicht. Die stärkste Kraft in der Show bist du. Dein moralischer Kompass, dein Respekt für dich und andere. Und es ist deine Aufgabe, die Umstände deinem Willen anzupassen, nicht, dich von den Umständen verbiegen zu lassen.

  69. Handle in deiner Arbeit immer im Einklang mit deinem eigenen Gewissen. Führ von Zeit zu Zeit ein Kreuzverhör mit dir selbst durch. Du kannst nie mehr geben als dein Bestes; nur dein Bestes ist gut genug. Und denk daran, dass es nur auf die Arbeit ankommt - nicht auf dich als Person, außer es geht um die Befriedigung, die mit guter Arbeit einhergeht.

  70. Dieser Beruf ist einer der besten, egal wie klein deine Rolle scheinen mag. Zahllose Leute würden alles geben, um ihn ausüben zu dürfen. Behalt das im Kopf und wertschätze dieses Privileg. Egal was andere tun, spiel deine Rolle gut.

  71. Verfall nie in einen Trott. Werd nicht nachlässig. Es gibt immer neue Kanäle hinter der nächsten Kurve, man kann immer neue Änderungen und Variationen erfinden. Starre Arbeitsgewohnheiten führen zu unvorsichtigem Verhalten und zum Aufgedecktwerden.

  72. Im Zweifelsfall überschätz den Feind lieber. Unterschätze ihn auf jeden Fall nicht. Aber lass dich davon nicht zu Nervosität oder Mangel an Selbstvertrauen verleiten. Lass dich nicht aus dem Konzept bringen und sei sicher, dass du deine Gegner*innen mit harter Arbeit, geistiger Ruhe und damit, dich nie ganz zu verraten, immer, immer übertrumpfen kannst.

  73. Letztlich und vor allem: DENK AN DEINE SICHERHEIT.

P.S. Die obigen Punkte sind nicht dafür bestimmt, mit oberflächlichem Interesse überflogen zu werden. Sie sind – allesamt – ernsthafte Aufmerksamkeit wert und sollten zumindest von Zeit zu Zeit noch einmal gelesen werden. Es ist außerdem wahrscheinlich, dass es hier und dort Punkte gibt, die besondere Relevanz für die momentane Situation von jeder Person, die sie liest, haben. In diesem Fall sollten diese Punkte natürlich sofort umgesetzt werden.


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